Morgen-Grauen

La Roque, eine Burg in Frankreich. Es ist der Tag nach der Eroberung. Welche? Egal, es ist die Zeit des hundertjährigen Krieges. Rauch steigt aus den Ruinen auf. Die ehemals mächtige Burg ist ein riesiger Trümmerberg. Überall liegen Leichen herum. Viele Menschen sind verbrannt, mindestens genauso viele verloren im Kampf ihr Leben. Im ersten Hof liegen viele Knappen, treu bis in den Tod versorgten sie ihre Herren bis zum Ende mit Waffen.
Im zweiten Hof liegen viele zerrissene und verbrannte Leiber. Wahrscheinlich traf eine Feuerkugel die Munitionskammer. Die Explosion zerstörte den Innenhof völlig. Die kämpfenden Ritter beider Seiten hatten keine Chance zu entkommen.
Morgen-Grauen, Vampirgeschichte
Hier, inmitten der Leichenberge und dem Gestank aus Schwefel, Teer, und Tod sitzt weinend ein Kind. Das Kleid hat sich teilweise in die Haut des Kindes gebrannt. Tränen bannen sich den Weg durch Ruß und Schmutz auf dem Gesicht. Mit einer Hand hält sich das Kind ein Tuch vor Mund und Nase. Der Geruch von verbranntem Fleisch, Haar und Fett raubt ihm fast den Atem. Mit der anderen Hand umklammert es die Hand einer toten Frau. Anscheint ist sie verblutet. Ihre rechte Seite ist eine einzige riesige Wunde. Jemand hielt es wohl für besser, mehr als dreimal mit dem Schwert zuzuschlagen.

Ein Mann läuft auf das Kind zu. Er ist ganz in schwarz gehüllt. Schwarzer Wollmantel, schwarze Gugel. Das Gesicht liegt tief im Schatten verborgen. Die Hände sind in den Ärmeln der Tunika verschränkt. Wahrscheinlich ist er ein Mönch, auf der Suche nach Überlebenden.
Schnell, doch mit kaum sichtbaren Schritten nährt er sich dem verzweifelten Kind. Obwohl nicht sichtbar, scheint es die Blicke des Mönches zu spüren. Es hat aufgehört zu weinen. Die Augen, ganz glasig, wenden sich dem Mann zu. Ein Zucken durchläuft den kleinen Körper. Der Mönch ist nun bei dem Kind. In einer fließenden Bewegung ergreift er es, reißt den kleinen Kopf nach hinten und schlägt seine Zähne in den Hals. Er hat zwei Reißzähne wie ein Raubtier. Das jetzt sichtbar gewordene Gesicht ist fast weiß. Die Augen sind blutunterlaufen. Auch seine Hände sind bleich. Und kalt müssen sie sein, denn eine Gänsehaut überzieht den Körper des Kindes. Der Geist des Kindes hat noch gar nicht mitbekommen, was geschehen ist, als der Lebensfunke den kleinen Körper schon verlässt. Die vormals glänzenden Augen sind nun starr und trübe in die Ferne gerichtet. Der Vampir kann schon jetzt den Tod an dem Kind riechen. Angewidert wirft er das Bündel weg. Es kracht gegen eine Mauer, prallt von dort ab und landet direkt vor der Schnauze eines erschreckten Hundes. Nach kurzem beschnüffeln und irritieren umher sehen beginnt er mit seinem Morgenmahl. Der Vampir setzt seinen Weg zu seiner Ruhestätte fort. Es war eine erfolgreiche Nacht.

(c) Bojar Oliver B. de la Transilvanea | blue-matrix

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