Allein in die Ewigkeit

Wieder einmal erwachte Nik aus seinem Schlaf. Wie jeden Abend kämpfte er gegen die neue Wirklichkeit an. Warum sollte er auch daran glauben? Vampire?

So weit sich Nik erinnern kann, hat er den Wunsch sein Leben zu beenden. Doch dies auch umzusetzen hat er sich nie getraut. Bis zu jenem Abend im Juli. Dieser begann eigentlich ganz ok. Wie immer kaufte sich Nik ein Bier am Imbiss an der Ecke. Versunken im Gedanken stieß er dabei auf eine Freundin aus anderen Zeiten. Damals ging er noch in die Clubs der Stadt. Spielte den Lebensfrohen, der jeden Tag etwas Neues erleben möchte. Es sind schmerzvolle Erinnerungen. Eine Zeit der Selbstverleugnung.
Angel gehörte in diese Zeit hinein. Hat sie eigentlich einen richtigen Namen? Zwar hat Nik keine direkten schmerzenden Erinnerungen an oder mit Angel, sie ist vielmehr ein Auslöser. Unbewusst starrte Nik auf seinen Unterarm. Er ist zwar verdeckt vom Hemd, doch weiß er genau, das dort die Buchstaben F E H L E R als Narben in den Arm gebannt sind. Auch ein Relikt aus dieser Zeit. „Fehler“ genau das richtige Wort für seine Existenz. Wo immer ihn das Leben hin verschlagen hatte, immer war er Fehl am Platz, machte grundsätzlich alles Falsch. Also ein wandelnder Fehler. Irgendwann hatte er sich dann mit einer halbstumpfen Klinge diese sechs Buchstaben in den Arm geschnitten. Hat es damals wehgetan? Sicher nicht so sehr wie es unausgesprochen zu lassen.

Angel sah ihn mit großen dunklen Augen an. Der Nachthimmel schien sich darin zu spiegeln. Waren dies die Augen von Angel? „Hallo Angel“ Die Worte kamen nicht in der gewollten Gelassenheit über seine Lippen. Angel reagierte nicht. Nur langsam schien sie Ihn zu erkennen. Die Augen weiteten sich noch mehr. War das überhaupt noch möglich? “ Angel, alles in Ordnung?“ „Klar – alles bestens.“ erwiderte sie langsam. Offensichtlich war sie verwirrt. „Nik? Du bist es doch oder?“ ein wenig Hoffnung lag in diesen Worten. „Klar bin ich es, aber was machst du hier? Bist du nicht ausgewandert?“ „Ich? Ja klar,.. aber dann, nun ja … es war alles nicht so wie gedacht, ich bin dann, mir blieb ja nichts anderes, ich bin halt zurück. Nur hätte ich gewusst, dass … nun ja … das dies eben passierte,… ich denk ich wäre nicht hier her gekommen.“ Ihre Augen starrten ihn an. Nik verstand gar nichts. „Passiert? Was is passiert?“ Für ein Wiedersehen nach Jahren verlief das Gespräch nicht ganz wie erwartet. Aber wenigstens war es kein Schweigen. „Nik? Gehst du noch immer nicht weg? Ich meine, ich habe erfahren, dass du dich nicht mehr sehen lässt und dies schon seit langer Zeit.“ Nik war ein wenig überrascht. Er mochte es gar nicht, wenn man ihn so unerwartet konfrontierte. „Ich habe viel zu tun und die Clubs hier sind öde geworden, jeder denkt an seine eigene Zukunft, hat kaum Zeit für andere…“ Nik war verlegen. „He, es ist ok. Du musst dich nicht vor mir rechtfertigen. Du warst schon immer so, nur damals konntest du dich halt noch dagegenstellen.“ Ein Satz, der sich wie ein Stich im Herzen von Nik anfühlte. Da kommt sie daher, scheint völlig neben sich zu stehen und dann macht sie noch Aussagen, die er gern nur mich sich allein teilt. „Was habe ich verpasst?“ Nik versuchte abzulenken, diese Unterhaltung nahm für ihn keinen guten Verlauf an. Zeit zu wenden. „Was passiert, das du wie ein Geist durch die Stadt läufst?“ “ Ich will gerade in einen Club“ „In welchen?“ Schmerzen in ihren Augen? „Egal in welchen. Hauptsache viele Menschen. Ein wenig anonyme Nähe wollte ich. Doch es wäre mir lieber mir dir meine Zeit zu verbringen.“ Ihre Augen schauten ihn hoffnungsvoll an. Ihre Augen, es schien ihm, als würde er in zwei Ozeane der Verzweiflung schauen. Beide unendlich tief und doch konnte man in ihnen einen mitternachtsblauen Schimmer sehen. Gerade wollt er sich dies noch einmal ansehen, da war es auch schon wieder weg. Nur die Schmerzen sind geblieben. „Ich begleite dich gern. Wenn du magst, kannst du mir ja erzählen, was dir so widerfahren ist in den letzten Jahren.“ Sie schaute ihn an, als hätte er versucht sie zu schlagen. Doch schnell verflog dieser Ausdruck von ihrem Gesicht. Genauso schnell wie der Schimmer aus ihren Augen. Sie entschieden sich zu laufen. Der Weg ist zwar nicht weit, doch nahmen sie sich jeder noch zwei Bier für den Weg und eine Flasche roten Wein wegen der alten Zeiten mit. Nik fing an zu erzählen. Es war nicht viel, was er erzählen konnte, doch war es viel, was erst einmal verarbeitet werden musste. Er wusste nicht warum, aber alles sprudelte einfach aus ihm heraus. Keine Grenzen, kein beschönigen – einfach die Wahrheit.
Als er endete sah Angel ihm tief in die Augen und fragte nach einer Weile, ob er dies alles nicht schon früher mitbekommen hätte. Verständnislos starrte Nik sie an. „Was ich sagen will,…“ sie schaute ihn ein wenig hilflos an.“…ich meine, mir war es schon immer klar, dass es dir in Gesellschaft nicht gut ging. Dein Arm war einfach viel zu oft in Verband gehüllt, selbst bei größter Hitze hattest du lange Hemden an. Was ich sagen möchte: wer es nicht mitbekam ist selbst blind gewesen.“ Er konnte ihr nicht mehr in die Augen sehen, versuchte unbeteiligt in der Gegend herum zu schauen. Seine Arme hatte er in die viel zu langen Ärmel seines Mantels zurückgezogen. Ja er liebte diesen Mantel gerade deswegen. Aber in Moment war Nik viel zu betroffen, als das er dieses behagliche Gefühl genießen könnte. Er hatte überhaupt keine Lust mehr in den Club zu gehen. Es war mir jetzt schon alles zu viel. Plötzlich hielt Angel ihn leicht am Arm fest und blieb stehen. Vorsichtig aber bestimmt zog sie Nik zu sich heran. Er versuchte ihren Blick auszuweichen, er wollte nicht das Wissen, Verstehen oder schlimmer das Mitleid darin sehen. Und doch schaute er in ihre Augen. Der blaue Schimmer war wieder zurückgekehrt. Tief blau und unergründlich. Nik hatte das Gefühl von ihnen aufgesogen zu werden. Von Angel ging eine Wärme aus, die ihn erfasste, umschlang und völlig einwickelte. Mit einem mal war nichts mehr da, kein Mensch, Auto, die Insekten waren verstummt, der Boden und der nächtliche Himmel, einfach alles war weg. Nur noch die Wärme, Angel, ihre Augen und Nik. Er schloss seine Augen, genoss diese Ruhe, diesen Frieden, der sich in ihm endlich nach all den Jahren ausbreitete. Seine Gedanken kamen zur Ruhe, wirbelten nicht mehr durcheinander.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren konnte Nik sich fallen lassen. Er spürte wie etwas seine Lippen streifte, sie berührte, liebkoste. Langsam kam er wieder an die Oberfläche seines Bewusstseins. Er öffnete seine Augen. Noch immer wusste er weder was gerade geschah, noch gerade geschieht. Angel hatte ihn in die Arme genommen und sich an ihn geschmiegt. Mit der Spitze ihrer Zunge fuhr sie zärtlich die Konturen seiner Lippen nach. Seine Lippen öffneten sich ihr, als hätte sie so um Einlass gebeten. Ihrer Zungen berührten sich, erst ein wenig zögernd, doch dann immer fordernder. Sie presste ihn immer doller an sich, als ob sie Angst hat, ihn wieder los lassen zu müssen. Nik genoss es gehalten zu werden. Es war lang her, dass er umarmt wurde. Angel strahlte immer mehr Wärme aus. Ihr Herz schlug so doll, dass Nik dies fühlen konnte. Als sich ihre Lippen wieder von einander lösten, stöhnte sie leicht. In ihren Augen lag Freude und Glück. Auch Nik ging es viel besser. Ihre Hände fanden sie fast von allein. Mit einem Lächeln auf den Lippen gingen sie weiter. Im Club angekommen holten sie sich Getränke und suchten sie eine gemütliche Ecke und hofften ein wenig allein sein zu können. Die gesamte Nacht verbrachten sie versunken in Erinnerungen an die „Gute alte Zeit“. Wenn die Erinnerungen zu schmerzhaft wurden küssten sie sich. Auf diese Weise wurden die Berührungen immer intimer. Gegen Morgen wurden sogar einige tanzbare Titel gespielt. Sie verließen nur ungern die Tanzfläche. Aber der Morgen stand bevor und sie waren müde. Zumindest Nik war länger geblieben als er wollte.

Nik bot Angel an, mit zu ihm zu kommen. Beide könnten sich ausschlafen und gemeinsam den Tag verbringen. Angel stimmte freudig zu. Zu Haus angekommen ging Nik unter die Dusche, denn nichts fand er schlimmer, als nach Zigaretten und Alkohol stinkend ins Bett zu gehen. Er war gerade dabei sich mit dem Duschgel einzureiben, als Angel dazu kam. Nik verschlug es den Atem. Angel sah nicht mehr im Geringsten so heruntergekommen aus wie am Abend. Ihr Körper schien sich erholt zu haben. Die Augen glänzten ihn an. Ihre Blicke verschlangen ihn, wollten ihn gar nicht mehr loslassen. Angel schmiegte sich an Niks Körper, als versuche sie mit jeden möglichen Zentimeter ihrer Haut ihn zu berühren. Ihre Haut war warm, strahlte eine Hitze aus, die ihn wieder umhüllte. Nik konnte nicht anders, er wollte diese Frau haben. Sanft fing er an sie zu streicheln. Seine Hände fuhren die Linien Ihres Körpers nach. Sie schien sich gegen seine Berührung zu pressen, als wolle sie ihm zeigen, dass er sie fester streichen solle. Seine Fingernägel gruben sich in ihre weiche Haut und hinterließen rote Lienen. Ihr Atem ging schneller. Sie drehte sich um, so dass ihr Rücken sich gegen seine Brust lehnte. Er zog sie mit seinen Armen weiter an sich heran. Sein Kopf beugte sich zu ihr und suchte ihre Lippen. Sie trafen sich zu einem Kuss, der sie beide nur weiter in ihrer Lust trieb. Sie drehte sich zu ihm um, nahm seine Hand und zog ihm zu seinem Bett. Keine Worte, nur Gefühle und Lust. Sie liebten sich bis zum Morgengrauen. Erschöpft und ausgelaugt schliefen sie eng umschlungen ein.
Es war bereits Abend, als sie beide wieder erwachten. Bevor sie das Bett verließen, erkundeten sie ihre Körper gegenseitig mit den Händen, ganz sanft, fast als würden sie sich nicht berühren wollen fuhren sie über ihre Körper. Nach vielen Küssen schafften sie es dann doch noch sich aus dem Bett zu erheben. Kaffee und Toast schafften es eine Atmosphäre von späten Frühstück zu vermitteln. Später ging Nik noch schnell einkaufen. Angel blieb allein zurück. Sie sagte Nik, dass sie sich erschöpft fühle und nicht nach draußen gehen wolle. Er war damit zufrieden, so würde er schneller wieder da sein.

Als Nik wieder zu Haus ankam, fand er Angel im Bad unter der Dusche, sie saß auf dem Boden. Eine Rasierklinge in der Hand, und Schnitte im Arm. Der Boden war voll mit Blut. Nik konnte einiges verkraften, er tat sich ja dasselbe an, doch sie dort so zu sehen, damit kam er nicht klar. Er ging einen Schritt rückwärts und stieß gegen die Wand. Er glitt an ihr zu Boden und blieb dort sitzen. Völlig gebannt blickte er auf Angel. Er fühlte sich hilflos und doch von der Szene angezogen. Langsam kamen seien Gedanken wieder. Traurigkeit erfüllte seine Stimme, als er anfing Angel von seinem Leben zu erzählen, von seinen Schmerzen, die er in diesem Bad schon erlebt hat. Er erzählte ihr von seiner Einsamkeit, von seinem Drang sich mit Schmerzen in der Welt halten zu müssen. Von seiner Angst, die ihn erfüllt wenn er sich nicht fühlen kann. Angel reagierte erst nicht, doch je mehr er erzählte, je mehr Schmerz Nik erfüllt, desto interessierter hörte sie sie zu. Später meinte Nik, dass sie immer besser aussah, je schlimmer die Erinnerungen an ihn nagten. Sie kroch auf ihn zu und nahm ihn in die Arme. Ihre Lippen versiegelten seinen Mund. Sagt sie wirklich er zähl mir später mehr? Nik schob diesen Gedanken bei Seite. Ihre Berührungen taten ihm gut. Langsam zu sie Ihn aus, ihre Lippen sammelten seine Tränen auf. Seine Tränen auf Ihren Lippen – Nik verzehrte sich danach dies zu kosten. Beides so kostbar. Wie konnte dies nur so schnell geschehen? Den Rest der Nacht verbrachten sie im Bett und liebten sich. Sie bekamen einfach nicht genug von dem anderem. Angel blühte weiter auf. Am Abend zu vor war sie nur ein Schatten von dem gewesen, was sie nun war. Nik konnte ihr nicht oft genug sagen, wie sehr er sie verehre, wie schön sie sei und dass er sie nie wieder gehen lassen würde. Er fühlte sich wie ein glücklicher Süchtiger. Angel dagegen genoss dies sehr. hatte sie doch schon lang nicht mehr so viel Bewunderung genossen. Und das beste – das besondere konnte Ihr Nik auch noch bieten und er wusste nicht einmal das er ihr gab was sie am meisten brauchte. Er hatte genug Schmerz in sich, dass sie nur von ihm leben konnte. Seelenschmerz, ja das ist es was sie braucht.

Nik und Angel verbrachten die nächsten Wochen miteinander. Er ging nicht mehr arbeite, ging noch weniger weg. Aber es schien niemand zu merken. So nahm auch niemand war, das es Nik äußerlich immer schlechter ging. Er wurde immer dünner, war hin und wieder desorientiert, er vergaß die Zeit. Er war süchtig nach Angel. Wenn es ihr gut ging, war auch er glücklich. Fast jeden Tag sprachen sie über Nik,seine Trauer und seine Schmerzen. Doch nach den Tränen verbrachten sie Stunden der Leidenschaft. Nach einiger Zeit aß Nik nichts mehr. Das Angel fast nie etwas zu sich nahm hatte er nicht mitbekommen. Vieles andere bemerkte er auch erst lange nach dem es zu spät war. Zum Beispiel ging es Angel besser, je schlechter es ihm ging. Ja heute ist es Nik klar.

Nicht alle Vampire ernähren sich von Blut. Es gibt Vampire, die sich von Schatten ernähren. Und dann gibt es da noch die Psychischen Vampire. Diese ernähren sich von der Energie ihrer Opfer. Nik hat sich in seiner Zeit mit Angel in einen von diesen verwandelt. Seine Energie, seine Traurigkeit hat ihr Kraft gegeben. Jetzt, da er einer von ihnen war hat sie ihn verlassen. Nik erwachte eines Abends und sie war nicht mehr da. Sie ist einfach gegangen. Ein Zettel mit dem Satz „Du wirst mir fehlen mein trauriger Engel. Die Traurigkeit wird dich retten.“ hatte sie an seien Tür gepinnt. Keine Erklärung nichts. Zwei Tage saß er an seiner Tür und wartetet auf ihre Rückkehr. Er wollte nicht glauben, dass sie einfach so gegangen war. Später setzte er sich an seinen Rechner und fing an zu suchen. Er wusste mittlerweile, dass sie in einigen Chats „zu Hause“ war. Er fragte jeden dort nach ihr. Aber niemand wusste etwas. Nach einigen Tagen erhielt Nik eine Mail. In Ihr stand nur, dass sich jemand mit ihm in einem Chat treffen möchte. Nik konnte es kaum erwarten. Die Stunden wollten nicht vergehen. Doch endlich war es so weit. Ein neuer User betrat den Chat und lud ihn in einen privaten Chatraum ein. Dort erklärte er Nik was passiert sei. Nik ist nun ein Vampir, verdammt dazu sich von der Energie anderer zu ernähren, so wie Angel es bei ihm getan hatte. Nik konnte es nicht fassen. Angel hatte ihn nur benutzt. Die Trauer schnürte Nik die Kehle zu. Sein Schmerz durchströmte seinen Körper. Die Energie strömte aus ihm heraus und floss in ihn zurück. Unfähig sich zu rühren, etwas dagegen zu unternehmen, ernährte sich sein neues Selbst von seiner eigenen Trauer, wie Krebs der sich selbst auffrisst. Nur Nik kann nicht sterben. Gespeist von einer eigenen Trauer erhält er sich gerade so am Leben. Abend für Abend erwacht er und ganze beginnt von vorn. Seit 5 Jahren hat er sich nicht mehr aus der Wohnung bewegen können, mit niemanden gesprochen, niemanden gesehen. All seine Gedanken weilen bei Angel und seiner Liebe zu ihr.

(c) Bojar Oliver B. de la Transilvanea | blue-matrix

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