Herzlich Willkommen kranker Kopf

Das Internet, unendliche Tiefen und Welten voller Gedankengänge. Wir schrieben damals den 10. November 2008. Ein neuer Beitrag in einem Blog erblickt die Welt und lässt mich heute kritisch damit auseinandersetzen. Der Beitrag lebt auf der Seite: www.paramantus.net bekam den Namen: Gothic: Tummelplatz für psychisch Kranke? und erschien in der Kategorie Gedankensplitter und Erlebnisfetzen. Im Wesentlichen trifft dieser Artikel diese Aussagen:

  • das Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Gothic-Szene mit offenen Armen empfangen werden und diese sich gut aufgehoben fühlen.
  • ein Pseudo-Gut-Gefühl vermittelt bekommen
  • dies als Ersatz für professionelle Hilfe annehmen

Der Autor macht klar, dass dies nicht einfach eine Vermutung ist, oder beim Überfliegen verschiedener Foren mal eben schnell gesehen wurde, sondern dass diese Folgerung auf Erfahrung und Recherche beruht.

Hintergrund zu mir:
Leider sind noch nicht alle meine alten Blog-Artikel hier, darum erwähne ich es explizit:

  • Ich „leide“ an Selbstverletzendem Verhalten – in folge SVV genannt
  • Ich bin seit Langen in der Gothic-Szene
  • Ich habe mehrere Therapien wegen Sinnlosigkeit (oder auch meiner Intoleranz) abgebrochen
    • Verhaltenstherapie
    • Sucht-Therapie – ja, es ist durchaus mit einer Sucht vergleichbar
  • Ich habe in verschiedenen Gothic-Foren und auch direkt Selbsthilfeforen darüber diskutiert
  • Ich war auf mehreren Foren-Treffen

Es ist wahr, dass SVV in der Gothic-Szene auffällt. Es ist auch wahr, dass die Toleranz dafür sehr hoch ist. Narben und Schnittwunden veranlassen kaum jemanden zu verletzenden Bemerkungen, oder herabwürdigendem Verhalten. Dieses erhalte ich eher von Leuten, die der großen Mehrheit zugerechnet werden können. Denn hier trifft man nicht nur auf Unverständnis (Verständnis wird auch nicht erwartet) sondern auch auf extreme Intoleranz. Verständnis erwarte ich von niemanden, der mich nicht kennt. Dass ich dies innerhalb der Gothic-Szene trotzdem finde ist ein Umstand, den ich sehr zu schätzen weiß. Ein Paradies ist es trotzdem nicht. In den letzten Jahren hat sich so unglaublich viel in der Gothic-Szene verändert, dass es nicht mehr diese ist, die ich kennen lernen durfte. Auch bei uns vermehren sich Verhaltensmuster, welche ich vor einigen Jahren nur aus anderen Szenen oder von „normalen Menschen“ kannte.

Die Gothic-Szene setzt sich mit spirituellen Fragen anders auseinander. Hier werden/wurden z.B. der Tod, Schmerzen, Seele und vieles andere thematisiert und nicht in die „das ist doch krank Ecke“ oder „darüber will ich nicht reden Ecke“ verdrängt. Denken und nachdenken, versuchen zu verstehen, verarbeiten und darüber reden/schreiben ist selbstverständlicher als in anderen Szenen. Auf jemanden mit Problemen zugehen, sich interessieren und nicht schweigen, wegsehen, beleidigen oder gar belustigt sein, dies ist eine der Stärken unser Szene. Die Theorie, dass man damit den Heilprozess verhindert kann ich auf Grund dessen nicht vertreten. Darüber reden, damit umzugehen und somit auch an sich zu arbeiten ist in diesem Fall nur eine andere Form der Therapie. Wenn man will eine Art Gruppentherapie. Also nichts, was ich bei der sogenannten professionellen Hilfe nicht auch machen würde. Das es auch hier Individuen gibt, die dies damit eher hochschaukeln und es verschlimmern liegt an der Natur der Menschen.

Gefährlicher finde ich das Nichtbeachten. Als „Normaler“ ist es schwerer innerhalb seines eigenen Umfeldes Toleranz und auch offene Ohren und Herzen zu finden. Dies zu belegen fällt nicht schwer. Laufe ich mit T-Shirt durch die Gegend erhalte ich keine unpassenden Kommentare, oder offensives Weg-/Hinsehen von Fans der schwarzen Szene. Der Otto-Normal-Mensch dagegen suhlt sich in seiner Impertinenz. Die Beobachtung, dass SVV und andere Themen dieser Natur offen in der Gothic-Kultur diskutiert werden können ist also durchaus korrekt.

Leider fehlt dem Autoren eine andere praktische Erfahrung: Das Forum „rote Tränen“ ermöglicht es Menschen mit verschiedenen „Störungen“ darüber zu schreiben, zu reden und sich auszutauschen. Und noch etwas gibt es: Treffen. Ich habe einige Male daran teilgenommen. Dies in zwei verschiedenen Bundesländern. Mein erstes Treffen stellte ich mir toll vor, lauter Gruftis, die sind wie ich, ich kann mich endlich offen geben, muss mich nicht erklären,… . Es kam anders. Von ca. 30 Mutigen, die sich trafen, waren 4 Gothics und ein Punk. Der Rest gehörte in andere Subkulturen bzw. waren einfach normale Erwachsene oder Jugendliche und sogar ein Kind. Dieser Durchschnitt sollte sich auch so fortsetzen. Wenn man dann auch noch aufmerksam am Treffen teilnahm, erfuhr man etwas Wichtiges. Bis auf die Gothics, die in ihrem Umfeld akzeptiert werden wie sie sind, (Familie können wir getrost ausschließen – anderes Thema) fehlte dies den anderen. Offenes Reden mit Freunden, über diese Themen unabhängig vom Forum ist undenkbar. Den Ruf zu verlieren, einen Stempel drauf gedrückt zu bekommen, lässt sie quasi eine Art Doppelleben führen. Eltern, Kollegen beste Freunde dürfen nicht davon erfahren. T-Shirts -> undenkbar.

Bin ich nun normal oder krank? Nach dem Artikel bin ich ein „Kranker“, der sich selbst vorgaukelt ein „Normaler“ zu sein.

[…]Weil aufgrund besagter Akzeptanz sich viele nicht (mehr) in Behandlung begeben, im Glauben endlich Menschen gefunden zu haben, die sie trotz Krankheit “normal” behandeln. Dabei wird gerne übersehen, dass es bei psychischen Erkrankungen darum geht mit sich selbst klar zukommen und nicht darum wie man von anderen behandelt wird. […]

Jeder Mensch fühlt sich besser, wenn er als ein normales Mitglied dieser Gesellschaft behandelt wird. Nur weil ich mir die Arme aufschneide möchte ich nicht am Rande vegetieren müssen. Ich bin Mensch wie jeder andere auch. Ich habe in meinem Leben nur einen anderen Weg kennen gelernt meine Seele zu beruhigen. Und so gesehen ist es auch nicht anders, als zu sagen: „Ich geh mich betrinken“ „Jetzt muss ich eine rauchen“ „Ich lauf jetzt bis ich umkipp.“ „Ich muss mich mal abreagieren, mal sehen wer draußen so rumläuft“ „Ich nehme Papis Waffe und geh zur Schule.“

Keine dieser Taten wird gesellschaftlich so sehr verabscheut wie SVV. Trinken, Rauchen, Drogen, virtuell Menschen abschießen macht doch jeder. Oder?

Allerdings hat der Autor recht mit der Feststellung, dass die Akzeptanz des Umfeldes kein Ersatz für eine Therapie ist. Da ich meine abgebrochen habe lasse ich mich hier nicht aus über den Sinn und Unsinn aus, sondern erwähne, dass mir persönlich der offene Umgang mit SVV mehr geholfen hat als alles andere. Ich habe gelernt damit zu leben. Es schränkt mich nicht ein und ich schade damit niemanden. Ich bin weder krank, noch normal, ich bin anders. Somit kann ich sagen, dass Akzeptanz kein Ersatz ist sondern eine mögliche und auch funktionierende Alternative. Man wird ungezwungener im Umgang mit Mitmenschen, was sich auch in der inneren und äußeren Zufriedenheit niederschlägt. Und um diese Aussage noch zu stützen: Seit ich meine Freundin um mich habe, welche dies als Teil von mir akzeptiert und damit umgehen kann, geht es mir besser. Selbst die Zahl neuer Narben wächst kaum noch an. *Ich danke dir dafür*

3 Gedanken zu „Herzlich Willkommen kranker Kopf“

  1. Das Forum „rote Tränen“ ist jedoch kein Gothic-Forum. Ich sprach explizit von Foren, Communities, die sich als Teil der Gothic-Szene betrachten. Des weiteren ist es vlt. ein wenig übertrieben die Aussage in meinem Artikel so zusammenzufassen, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung mit ofenen Armen in der Gothic-Szene empgfangen werden. Und das Paradies ist es auch nicht, auf keinen Fall. Aber immerhin bist du ja näher darauf eingegangen. Im Grunde stimme ich dir vollkommen zu, insbesondere bei dem Teil, dass die Gothic-Szene sich stark verändert hat. Ich fühle mich schonlange nicht mehr zugehörig. Meine einzige Verbindung sind ab und zu einige Foren, sowie entsprechende Parties, Konzerte und Clubs. Die Musik möchte ich mir dann nämlich doch nicht nehmen… 😉

    Schönen Gruß und danke für die Erwähnung meines Artikels. Waren eigentlich nur ein paar spontane Gedanken, die mir hochkamen, als ich mal wieder mit entsprechenden Erfahrungen konfrontiert wurde, wie ich sie auch dort beschreibe…

  2. Hallo Paramantus und herzlich willkommen auf meiner Seite.

    Ja “rote Tränen” ist kein Gothic-Forum, dient lediglich als Beispiel, für die Prozentuale Verteilung in diesem Forum (zu damaligen Zeiten) von “normalen” und “Subkulturellen” Individuen.

    Aus meiner Sicht liest es sich aber fast so. Klasse ich bin krank, hier werde ich gemocht – hier bleib ich. Wenn ich so drüber nachdenke, vielleicht gibt es prozentual in jeder “Szene” ungefähr den gleichen Anteil an SVVlern, nur ist die Dunkelziffer in der Schwarzen Szene nicht so hoch. 😉

    Gruß blue-matrix

    PS: Auf die alten Zeiten *g*

  3. Ich möchte gar nicht abstreiten, dass es in der Szene hier und da "Psychisch Kranke" gibt, die sich Ritzen etc. pp. Aber auffällig viele sind es wohl nicht. Die Szene ist und sollte kein Auffangbecken für Kaputte sein. Die Flucht in die Szene ist der falsche Weg. Erst zum Arzt, dann in die Szene…

    Das ganze jedoch als Tummelplatz für psychsisch Kranke zu betiteln, zaubert mir ein Schmunzeln auf den Lippen.

    Liebe Grüße 🙂

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